WISSENSCHAFT UND DIE WELT DA DRAUSSEN.
ZWEI TAGE IN BREMEN.

2010 veröffentlicht Christian Felber seine Idee einer „Gemeinwohl-Ökonomie“ und startet damit eine Bewegung alternativen Wirtschaftens, die seit Jahren rasant wächst. Nun fand an der Hochschule Bremen die erste wissenschaftliche Konferenz zur Gemeinwohl-Ökonomie statt.

"In einem begrenzten System ist unbegrenzter Wachstum Unsinn!“
– Daniel Dahm

Von der Idee zur Bewegung

Christian Felber ist kein Ökonom. Das hat ihn nicht daran gehindert (und man möchte sagen: zum Glück!) ein Konzept zu entwickeln, das die Wirtschaft „vom Kopf auf die Füße stellt“, wie er es selbst gerne beschreibt. Mit der Gemeinwohl-Ökonomie entwickelt er ein theoretisches wie praktisches Modell, bei dem alle wirtschaftliche Tätigkeit auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Felber traf mit der Gemeinwohl-Ökonomie einen Nerv: Schnell verbreitete sich das Konzept, seit einigen Jahren entwickelt sich eine zivilgesellschaftliche Gemeinwohl-Bewegung, die aufklärt und Unternehmen, Organisationen, ja sogar Gemeinden dabei hilft, sich entlang von Gemeinwohl-Kriterien zu bilanzieren. Die Grünen forderten jüngst die Bundesregierung auf, für mindestens zwei Unternehmen mit Bundesbeteiligung eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen.

Ökonomen kritisieren

So weit. So erfolgreich. Eine Kritik jedoch, der sich Felber und seine Mitstreiter*innen immer wieder von der Wirtschaftswissenschaft ausgesetzt sehen, ist die der mangelnden Wissenschaftlichkeit des Konzepts. Das überrascht zunächst insofern, da man sich fragt, ob denn ausschließlich Ökonomen laut über Ökonomie nachdenken dürfen?

Neue Ideen entstehen durch Kollaboration statt Konkurrenz

In Bremen jedenfalls kamen Wissenschaftler*innen unterschiedlichster Fachgebiete, Praxiserfahrene und Politiker*innen zusammen, um aktuelle Studien zur Gemeinwohl-Ökonomie zu diskutieren, Forschungslücken aufzuzeigen und das Konzept als solches interdisziplinär weiterzuentwickeln. Der Blick in das Programm und die Formate der Konferenz zeigten schnell: Kooperation und Ko-Kreation statt Konkurrenz und Wettbewerb sind die Prinzipien, auf die man setzt, um ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem zu entwickeln. Dass das mehr als dringend und nötig ist, zeigt die Welt außerhalb des Uni-Gebäudes: Es ist Freitag und auch in Bremen gehen tausende Menschen auf die Straße, um für beherzte klimapolitische Maßnahmen und die Zukunftssicherung unseres Planeten zu demonstrieren.

Wer sich für die Ergebnisse der Konferenz im Detail interessiert, muss sich noch etwas gedulden. Geplant ist eine Publikation über die zahlreichen Beiträge. Viele Informationen rund um die Gemeinwohl-Bewegung und die Konferenz findet man hier. Außerdem findet ihr hier einige Video-Ausschnitte von der Konferenz.

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GANZ SCHÖN VIELE HELDEN AUF DEM HELDENMARKT!

Unsere Reise führte uns zum Berliner Heldenmarkt, eine Messe für nachhaltigen Lebensstil. Auf dieser Messe präsentierten vier Berliner Unternehmen ihre erste „Gemeinwohl-Bilanz“. Wir wollten wissen: Was motiviert ein Unternehmen überhaupt eine solche Bilanz zu erstellen und was kommt danach?

"Über 50 Berliner Unternehmen sind gemeinwohlbilanziert."
– Philipp Wodara

Anders bilanzieren – warum eigentlich?

„Es steht etwas im Grundgesetz, das viele nicht beachten, nämlich Eigentum verpflichtet dazu, dass man zum Gemeinwohl der Gesellschaft beiträgt“, sagt Génica Schäfgen, Mitarbeiterin beim Suchmaschinen-Anbieter Ecosia. Ecosia ist eines der vier Unternehmen, die am 9. November auf dem Berliner Heldenmarkt ihre erste Gemeinwohl-Bilanz präsentierten. Die kritische „Innenschau“ schafft Transparenz nach außen: Denn die Bilanz erfasst den Erfolg des Unternehmens entlang von ethischen Kriterien wie etwa soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit oder Mitbestimmungsmöglichkeiten im Unternehmen (mehr Infos zur Gemeinwohl-Matrix hier). Die Idee dahinter: Gutes Unternehmertum wird nicht am Profit, sondern am Beitrag zur Gesellschaft gemessen. „Eine Gemeinwohlbilanz ist die Möglichkeit, einen wirklichen Erfolg eines Unternehmens zu bewerten. Wir können messen, ob ein gesellschaftlicher Mehrwert entsteht oder Mehrwert für die Mitarbeitenden“, sagt Philipp Wodara, Vorstandsmitglied der GWÖ-Regionalgruppe Berlin/Brandenburg.

Neben Ecosia haben sich auch die Unternehmen Fibur – ethisch-ökologische Altersvorsorge, der Heldenmarkt selbst sowie der Verein Mein Grundeinkommen e.V. bilanziert.

Unternehmen machen ihr Handeln transparent

Der Anspruch, ein transparentes Unternehmen zu sein, ist zunächst einmal ein langes und streckenweise auch mühsames Verfahren: Nicht nur, dass für eine GWÖ-Bilanz Zahlen, Daten und Berechnungen zusammengetragen werden müssen. Auch Zulieferer und deren „Fußabdruck“ fließt in die Bewertung ein. Lovis Willenberg, Gründer des Heldenmarkts, zieht trotz aller Anstrengung das Resümee: „Jetzt haben wir ein Gefühl dafür, was es bedeutet, sich zu bilanzieren und welchen Fragen man sich da so stellen muss.“ GWÖ-bilanzierten und Organisationen sollen in Zukunft einen erleichterten Zugang zum Heldenmarkt als Aussteller haben.

Nach der Bilanz ist vor der Bilanz

Und welche Schlüsse zieht man nun aus einer Bilanz? Ein Thema, über das die Unternehmen im Rahmen der Bilanz immer wieder stolpern, ist die Frage nach der Eigentümerstruktur. Die klassische GmbH, die die Entscheidungsmacht in der Rolle der Geschäftsführung zentralisiert, schneidet hier eher schlecht ab.
Der rege Austausch mit anderen bilanzierenden Unternehmen hat bei Ecosia schließlich dazu geführt, „dass wir unsere Unternehmensanteile an eine unabhängige Stiftung verschenkt haben, die Purpose Stiftung, und somit sichergestellt haben, dass Ecosia niemals verkauft werden kann und die Gewinne ausschließlich gemeinwohlorientiert genutzt werden.“
Das junge Start-up Fibur kann sich gut vorstellen, diesem Vorbild zu folgen: „Durch den Prozess der Bilanzierung haben wir gemerkt, dass wir eine andere Eigentümerstruktur gut finden und dass wir uns in diese Richtung bewegen oder transformieren wollen.“

Hellwig Fenner, Kampagnenmanager bei Mein Grundeinkommen e.V. beobachtet durch die Bilanz den Effekt einer Sensibilisierung für zahlreiche Themen: „Wir fragen bei Zulieferern jetzt genauer nach: ‚Habt ihr eigentlich auch ein Siegel? Wie sieht es aus mit Solidarität und Gerechtigkeit?‘“ Aber auch mit dem Blick auf das Team gibt es Veränderungen: So soll ein Co2-Fußabdruck des Teams erstellt werden, Verbrauche genauer gemessen und optimiert werden.

Alle Beteiligten schätzten vor allem den Austausch mit anderen Organisationen während des Bilanzierungsprozesses. Aus der so genannten Peer Group kamen viele Impulse: „Mich hat inspiriert, dass ein Unternehmen sagt: Wir geben den Mitarbeitern einen Urlaubstag mehr, wenn sie auf Flugreisen verzichten und dafür den Weg mit der Bahn nehmen.“

 

Neben allem Messen und Transparenz schaffen zeigt der Prozess der Bilanzierung doch vor allem eines: Dass er das Potenzial hat, in der eigenen Organisation und darüber hinaus „einen Stein ins Rollen zu bringen und Bewusstsein zu schaffen, für ein anderes Wirtschaften“, so Hellwig Fenner.

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ENGAGIERT EUCH!

Wie klingt es, wenn 10 Komponistinnen und 10 Filmkünstlerinnen sich mit der Frage beschäftigen: „Wie wollen wir leben und wie glücklich sind wir mit unserem aktuellen Wirtschaftssystem?“ Auf dieses Experiment hat sich das Klangforum Wien eingelassen.

"Manchmal im Leben empfiehlt es sich, die Perspektive zu wechseln und einen Move ins Ungewisse zu wagen. Das macht Angst, aber Spaß!"
– Christian Felber

Wir sind entkoppelt

Unter dem Titel „Zum Gemeinwohl! 20 Frauen animieren ein europäisches Gespräch über die Zukunft der Welt“ bot sich im November in Wien unter der Leitung des Klangforum Wien eine beeindruckende und nachdenklich stimmende Performance. Die Welt braucht ein neues Wirtschaftsmodell – das war der Anlass für diese gemeinschaftliche, künstlerische Darbietung. Filmkünstlerinnen lieferten hierzu vielfältige Kurz-Animationsfilme, die vom Klangforum Wien musikalisch begleitet wurden. Das Ergebnis waren zehn sehr unterschiedliche Film-Musik-Projekte: visionär, analytisch, dokumentarisch.
Eingeleitet wurden die Kurzfilme von Gesprächen zwischen den Künstler*innen. Das Publikum wurde so mitgenommen auf eine zum Teil sehr persönliche Reise und eine oft spürbare große Betroffenheit bis hin zur Sorge der Künstler*innen über die Zukunft von Gemeinschaft und gemeinschaftlichen Erleben, das Versagen der Wirtschaft, „Entkopplung“ in der Arbeitswelt – kurzum: die Auswirkungen der Kapitalisierung und Verdinglichung der Welt und der Gesellschaft.

Alternativen sind möglich

An 3 weiteren Spielstätten wurde die insgesamt 24-stündige kritische Auseinandersetzung mit dem Wirtschaftssystem fortgesetzt. Den Schmelzpunkte der vielfältigen Performance aus Musik, Theater und Tanz, Animations- und Dokumentarfilmen, Talks und Streitgesprächen bildeten immer wieder die Frage: Wie wollen wir leben? Und mündeten in einem oft impliziten Aufruf: Engagiert Euch für Euch für konkrete Alternativen!

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